Die kurze Geschichte einer Liebe

Jetzt.
Jetzt da bleiben, nicht die Gegenwart verlieren. Das ist jetzt das wichtigste. Kaffeewasser kochen, das Radio einschalten. Der Fernseher läuft ohne Ton, schickt schweigend Bilder von atemberaubend schöner Natur ins Zimmer. Aus dem Radio das übliche, bedeutungslose Worte verpackt in einen stereotypen Rhythmus, der gute Laune verspricht. Nichts wirklich zum Hinhören. Und doch so gut, so normal. Ist doch alles wie immer. Ist es das? Sah normal nicht vor kurzem noch ganz anders aus? Sie holt einen Kaffeebecher und entscheidet sich im letzten Moment für den roten. Nicht den blauen heute, nein, der blaue war gestern. Gestern, und die ganzen Tage davor. Einen Löffel Kaffeepulver in den Becher, das nicht mehr kochende Wasser darauf giessen, zwei Stück Zucker, Milch. Fertig. Kaffeetrinken hilft immer. Beim Lesen, beim Arbeiten, beim Surfen im Netz, beim Nachdenken. Sie trinkt viel Kaffee, viel zuviel, würden andere sagen.
Der Kaffee ist noch zu heiss zum Trinken. Ihre Hände schlingen sich um den Becher, als wollten sie dort Halt suchen. Hitze kriecht in ihren Fingern hoch, signalisiert ihr loszulassen. Sie hält fest, will diese Hitze spüren. Jetzt.

Das Telefongespräch hatte ihr den Boden unter den Füssen weg gezogen. Darunter der Abgrund, verschwommen, neblig, dunkel. Bodenlos. Seitdem hatte sie versucht, Haltepunkte zu finden. Den freien Fall in dieses Loch irgendwie abzubremsen. Dabei hatte es begonnen wie immer. Sie hatte am Abend seine Handynummer gewählt. Wie jedesmal, wenn sie ihn anrief, hatte sie es insgeheim verflucht, dass er in Deutschland nur über Handy zu erreichen war. Meistens hatte er angerufen, dann hatte sie es gar nicht bemerkt.
Sie hatte grosse Sehnsucht gehabt, seine Stimme endlich einmal wieder zu hören. Endlich? Genau, die Telefonate waren fast unmerklich weniger geworden. Vielleicht hatte sie gar nicht das teure Telefonieren mit dem Handy verflucht. Vielleicht hatte sich längst ein Unbehagen breit gemacht, das schleichende Gefühl einer Gewissheit, die bestätigt werden wollte.
Sie nimmt vorsichtig einen Schluck vom Kaffee. Es geht, die Hitze ist gewichen. Schluck für Schluck strömt eine angenehme Wärme durch ihr Inneres. Erst jetzt merkt sie, dass eine Kälte von innen dieses Zittern ausgelöst hat, das sie an Schüttelfrost erinnert. Und daran, wie gut es wäre, wenn jetzt einfach jemand die Arme um sie legen würde. Sie zieht die rote Wolldecke vom Sofa und wickelt sich darin ein. Noch ein Schluck Kaffee. Im Radio liest eine freundliche Frauenstimme die aktuellen Staumeldungen vor. Nicht wenige, jetzt am Beginn der Ferien. 

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