Es ist niemand im Haus - Leseprobe
»Ich bin allein?«
Das Kind redete die Wand an, als würde sie antworten können. Irgendjemand, irgendetwas musste doch sprechen.
»Ich hätte gern ein Kaninchen. Kaninchen essen ist besser als streicheln. Wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß. Sprich mit mir, ich hör dich nicht, das Entenküken hat ein Rabe geholt, der fette Engel mit den gefalteten Händen ist ins Meer gefallen.«
Die Beine waren durch das reglose Sitzen taub geworden, und Ameisen kribbelten in den Waden. In dem ordentlich hergerichteten Kinderbett durfte es tagsüber weder sitzen noch liegen. »Ich weine gleich«, sagte es mit zitternder Unterlippe, reckte sich und schaute hilflos zum Fenster.
Du hast Glück, hier sitzen zu dürfen, ich muss arbeiten, hast du ein Glück, nörgelte die Erinnerung. Bei den Worten hatte Mama dem Kind in die Wange gekniffen, es danach mit schwimmenden Augen gestreichelt.
»Mama, hier riecht es so gut nach deiner Bluse.« Das Mädchen schnupperte angestrengt. Im Nebenzimmer tickte die Standuhr, unerbittlich und laut. Oder waren es Schritte, die langsam immer näherkamen?
Draußen war Sommer, war es warm und hell, draußen fuhr die bunte Inselbahn ein.
Verbote waren bedrohlich wie Hornissenaugen, die Großvater in riesiger Vergrößerung gezeigt hatte. Verbote schienen lebendig, und das Kind klebte auf dem Sofa. Es wäre ja möglich, dass Etwas hinter der Wand hervorkommen und sagen würde: »Komm her zu mir!« Es war alt genug, um zu wissen, was dann geschehen würde. Darüber hatte Mama genügend erzählt.
Es betrachtete einen schillernden Käfer, und auf der Fensterbank blühten Vergissmeinnicht mit tausend blauen Augen.
Das T-Shirt klebte am Rücken, die Haut juckte. Worte krochen an sein Ohr: »Du bleibst sitzen, bis ich wiederkomme. Rühr dich nicht vom Fleck. Sonst holen dich die Geister. Du weißt, in der Dunkelheit, dann sind sie da. Sie werden dich fressen und zerhacken, also sei brav, liebes Kind«, hatte die vertraute Stimme noch gesagt. »Nicht wahr, du bist ein braves Kind? Ich sehe alles. Ich höre alles. Ich rieche deine Lügen schon draußen vor der Tür.«
Die Hand hatte kurz und knapp über das braune Haar gestrichen, und einen guten und beruhigenden Geruch nach Seife gehabt.
»Kommst du bald wieder«, hatte es mit hängenden Schultern gefragt, ohne die Stimme großartig zu heben, damit der hämmernde Puls im Hals es nicht erstickte.
»Mama?« Das Kind krümmte sich in vorauseilender Enttäuschung. »Mama?«
Auf der Stirn bildete sich eine dünne Schicht Schweiß, Kälte und Hitze stiegen in die Achselhöhlen, in den Rachen, und verklebten den Mund.
Im Zimmer herrschte brüllende Stille und der Wind zog durch die Fensterritzen. Auf dem grau gesprenkelten Teppichboden tanzten Staubmäuse, an der Wand hing das Bild mit dem Riesenfisch, der zwischen den Dünen hin- und her schwamm. Das Mädchen kniff die Augen zusammen, fühlte den Sand, roch die Hitze des Sommers, schmeckte das Meer und durfte nicht raus.
Es wurde dunkel und das Licht weniger, wurde ein Streifen, der an den Füßen vorbeizog, bis hin zu der Tür, die abgeschlossen war. Das Kind bewegte die Hände, die Finger, die Arme, zappelte mit den Beinen, es konnte unmöglich noch länger so bewegungslos sitzenbleiben.
Die Furcht kam mit der Verzweiflung. Es war soweit.
Zitternd griff es nach der Puppe mit dem schweinchenrosa Gesicht, den runden blauen Augen und verfilzten Kunsthaaren.
»Sollen wir an den Strand? Es ist so schön draußen«, fragte die Puppe.
»Wir? Wir gehen nirgendwo hin. Außerdem wird es dunkel.«
»Sollen wir rufen? Nach der Mama?«
»Weißt du doch. Darf ich nicht. Muss leise sein.«
»Dann bleibst du immer hier sitzen. Dann stirb doch.«
Es sah aus, als würde sich die Puppe schlapp lachen. Ärgerlich drückten die Kinderfinger gegen Plastikaugen, bis sie im Puppenkopf kullerten und lustige Geräusche von sich gaben. Es zerrte an den Haaren, die im rosa Hinterkopf eingenäht waren. Die Hände drehten die Arme, zogen, bis sie mit einem schmatzenden Plopp aus dem Gelenk flutschten. »Du bist nicht meine Puppe. Meine ist weich und warm und riecht ganz anders.«
»Es gibt keine andere als mich«, höhnte der Torso.
Unten im Flur schepperte das Telefon.
»Tut es weh?«, fragte das Mädchen streng. »Wasch dir die Hände. Guck mich nicht so an! Bück dich, hast du? Haaast du?«, und schlug mit der flachen Hand auf den Puppenhintern. »Morgen bringe ich das Stöckchen mit. Ich möchte eine Katze, die kann man nicht wie Kaninchen essen.«
Jemand kam ins Haus. Aus dem unscharfen Geraschel wurden Schritte, ganz leichte, beschwingte. Das Kind presste die Lider zusammen. Blut rauschte in den Ohren, innen drin pfiff es und zirpte bis ins Gehirn. Es versuchte, gleichmäßig zu atmen, ein und aus, aus und ein.
Die Wände begannen ihr seltsames Eigenleben, bogen sich, flossen auseinander und Schatten zeichneten darauf fremdartige Figuren. Jetzt würden sie kommen, sie fressen, düstere riesige Möwen.

