Langsamland von Sven-André Dreyer
Mutter parkte mich in einem Sandkasten wie ein überflüssiges Auto an einem gehetzten Einkaufssamstag in der überfüllten Innenstadt. Sie warf buntes Spielzeug zu mir in den feuchten Sand, eine gelbe Schaufel, ein blaues Sieb und ein rotes Muschelförmchen; dann setzte sie sich auf eine ferne Parkbank an den Rand des Spielplatzes und las gelangweilt die Tageszeitung.
Schön sah sie aus der Ferne betrachtet aus, unnahbar schön und unsterblich jung.
Plötzlich und unscheinbar brüllte die Zeit über das Land wie ignorante Herbstgewitter in tiefster Dunkelheit.
Es wurde Nacht und Tag, wieder Nacht und wieder Tag.
Die farbige Kinderkleidung ist mir nun, viele Jahre später, viel zu klein, zu eng.
Ich rufe „Mutter“, rufe ich, „Mutter“ und meine Stimme klingt nun rau und dunkel und fremd. Ich winke ihr zaghaft.
Mutters Haut sieht schon aus wie kostbares Porzellan, weiß und fein und zerbrechlich; ihre Haare von knisterndem Grau, silberfarbene Fäden im Wind.
Mühsam steht sie nun auf, tief gebeugt verlässt sie an ihrem schwarzen Stock unsicher den Spielplatz, blickt sich nicht mehr um und lacht leise in den frühen Winterabend.
Weitere Werke des Künstlers Sven-André Dreyer:
Langsamland (aus „Langsamland“)
Samstagnachmittagsmädchen (aus „Sechzehn seltsame Stunden“)
Wintermeer (aus „Sechzehn seltsame Stunden“)

