Leseproben aus dem Roman "Union of Mankind – Wahrheit zwischen den Zeilen"

Die Abtreibungsklinik, in der Thomas an drei Vormittagen pro Woche seinen Dienst versah, war von der Wohnung der Emmerichs nur ein paar Straßen entfernt und er war heilfroh, an diesem Morgen nicht auf seinen Wagen angewiesen zu sein. Nach tagelangem Regenwetter hatte es die vergangene Nacht über geschneit und der starke Wind machte jeden Versuch, den pulvrigen Schnee von einem Auto wegzubekommen zu einem aussichtslosen Kampf. Thomas stapfte durch den knöcheltiefen Schnee und hielt die Enden seiner Kapuze unter dem Kinn zusammen.
“Bei dem Wetter sollten die Griechen mal auf Besuch kommen“, dachte er, „der Wiener Winter würde bleibenden Eindruck bei den Sonnenanbetern hinterlassen.“
Als sich sein Vater Peter Emmerich vor zwei Jahren in den Ruhestand begeben hatte, übernahm Thomas nicht nur seine gynäkologische Praxis, sondern auch seine Stelle als Arzt in der bekanntesten Abtreibungsklinik der Stadt. Seit nunmehr zwei Jahren zwang sich Thomas zu einem Dienst, den er niemals hatte antreten wollen. Doch er war es gewohnt Dinge zu tun, nur weil sein Vater sie von ihm erwartete. So konnte sich Thomas zumindest seiner väterlichen Hilfe und Unterstützung in allen Belangen sicher sein.
Während seines Studiums bemerkte Thomas, wie sehr ihm allein die Luft in Krankenhäusern zuwider war. Die penetrante Geruchsmischung aus Desinfektionsmitteln, Medikamenten, Urin und Fäkalien verursachte bei ihm ständige Übelkeit und Brechreiz. Sein sensibler Magen war auch der Grund, dass er Frauen in den ersten Schwangerschaftswochen so gut verstand und ihnen so manchen hilfreichen Tipp geben konnte.
Als Arzt fühlte er sich dazu verpflichtet, Menschenleben zu retten. Und genau darum ging es ihm bei seiner Arbeit in der Abtreibungsklinik: um das Leben der Frauen, die sich dazu entschlossen hatten, ihr Kind nicht auszutragen. Für Thomas stand die Entscheidung der Frau für oder gegen ein Kind im Vordergrund. Den einen half er so gut er konnte durch eine Schwangerschaft, den anderen eben durch eine Abtreibung. In manchen Momenten meinte er sogar, dass es überhaupt keinen Unterschied machte, in welcher Form er den Frauen zur Seite stünde. Thomas war nie ein Moralist gewesen, auch wenn ihn seine katholische Mutter Gabriela gerne zu einem solchen erzogen hätte. In ärztlichen wie weltanschaulichen Belangen war er auf der Seite seines Vaters Peter, der ein Leben lang auch alles andere als moralisch unterwegs gewesen war.
Schon von weitem sah Thomas einen Mann in Schwarz mit gesenktem Haupt und Rosenkranz in den Händen vor der Klinik stehen.

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