Kirschner, Wolfgang
- Die Nacht, in der... (1)
- Die Nacht, in der... (2)
- Lyrik von Wolfgang Kirschner
- Himmelblau und Birnbaumgrün
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Wolfgang Kirschner
2. Leseprobe aus Die Nacht, in der ich verschwand
Der Motor tuckerte wie ein kleiner Traktor, als sie an der Hauptstraße anhielt und zum Haus an der Ecke hochschielte.
»Warum wartest du?«, fragte ich nervös. »Willst du Theo zu einer Spazierfahrt einladen?«
Sie spielte bei durchgedrückter Kupplung mit dem Gas, damit sie jederzeit durchstarten konnte, und sagte: »Eher würde ich ihn über den Haufen fahren. Es ist nur so - er müsste längst aufgekreuzt sein. Irgendwas stimmt da nicht.«
Ich verstand nicht ganz ihr Problem dabei. »Was soll’s, vielleicht ist er noch mal über ‘ne Schaufel gestolpert und hat sich das Genick gebrochen. Willst du reingehen und nachgucken?«
»Quatsch!«, zischte sie und jagte wieder den Motor hoch. »Trotzdem wüsste ich gerne - he, was ist das...?« Sie deutete fast senkrecht zum zweiten Stock hoch.
Das Fenster neben dem Baugerüst wurde geöffnet und eine Gestalt erschien im Rahmen. Mit dem Rücken zur Straße. Es schien so, als ob die Gestalt von jemandem bedrängt wurde oder mit jemandem kämpfte. Das Licht war aus, deshalb war die Szene nur undeutlich zu erkennen, aber es hatte den Anschein, dass da oben einiges los war.
»Scheiße!«, sagte Kaminski, »So was Ähnliches hab ich schon befürchtet. Jetzt aber nix wie weg!«
Sie riss das Steuer nach rechts und preschte wie beim ersten Mal halb über den Gehweg in Richtung Hauptstraße vor. Mit quietschenden Reifen. Als das rechte Vorderrad vom Randstein heruntersprang, gab es direkt über uns einen gewaltigen dumpfen Schlag. Aber Kaminski fuhr trotzdem weiter.
»Was war das?«, rief ich erschrocken.
»Mein Gott, irgendwas ist uns aufs Dach geflogen!«
»Was?? Willst du nicht anhalten und nachsehen?«
»Ich denk nicht dran!«
»HALT AN!«
Sie fuhr sich nervös durch die Haare und trat aufs Bremspedal. Etwas kam über die Windschutzscheibe nach vorne gerutscht. Obwohl es dunkel war und verkehrt herum ankam, war es doch als Theos konturloses Gesicht zu erkennen. Von Gesicht konnte inzwischen allerdings erst recht keine Rede mehr sein. Es war eine verzerrt grinsende, platt gedrückte helle Masse, die mit einem dünnen roten Rinnsal durchgestrichen war. Theo war sozusagen abgehakt.
Ich dachte, ich säße bei einem Alptraum in der ersten Reihe.
»Zufrieden?«, fragte Kaminski gestresst.
»Scheiße, nein - was jetzt?«
»Na das...!« Sie riss das Steuer herum und drückte das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Die Reifen quietschten, als ob sie einer abstechen wollte, es stank nach verbranntem Gummi und in der Rauchwolke hinter uns konnte ich Theos Körper in den Rinnstein rollen sehen. Kaminski jagte in der anderen Richtung davon.
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