Die Wege der tausend Erinnerungen

Es ist Sommer. Ich laufe durch die ausgetrockneten Straßen der Innenstadt. Die Luft ist warm. Angenehm warm. Eisdielen, Biergärten und Cafés regieren. Schmucke Kellnerinen winden sich durch die engen Reihen fröhlicher, durstiger Gäste. Dieses Milieu bietet unverwechselbare Szenarien. Es werden Bekanntschaften geknüpft und Liebschaften geboren. Blickt man in die Gesichter der Dahineilenden, kann man ihre Sorgen erahnen, ihre Freuden und Ziele. Immer wieder wechselt ein hübsches Mädchen mit langen geraden Beinen an mir vorüber, schaut in die Auslagen der Geschäfte: Schmuck, Hüte, Kosmetik. Sie verwirrt meine Sinne. Ich lächle Sie an. Sie geht und wirft mir einen abfälligen Blick zu. Bezaubernd ihr kurzer, enger Rock, dessen Schlitz bei jedem Schritt ihre schlanken Beine zeigt. Auch ich sehe mir die Auslagen der Geschäfte an: Schmuck, Hüte, Kosmetik. Und stehe wieder bei ihr. Jetzt lächelt sie, lächelt nur den Auslagen zu, aber wühlt meine Seele auf. Es ist ein Lächeln, das man nie vergißt. Alles liegt darin. Hoffnung. Sehnsucht. Verlockung. Anmut. Traum. Dieses versteckte Lächeln galt mir. Ich will sie ansprechen, doch sie verschwindet schon wieder nach einem kurzen, tiefen Blick in meine Augen im Strom der Dahineilenden. Versonnen gehe ich weiter. Mit dem Mädchen. In Gedanken. Als ich Lindenduft und geheimnisvolle Stille einatme, ist mein Weg beendet. Mein Ziel erreicht. Der Stadtfriedhof. Zweimal die Woche suche ich diesen Weg, auf dem ich Leute treffe, denen ich oft begegne. Die ich manchmal fragen will, was sie her führt. Aber dann würden sie mich dasselbe fragen. Darum schweige ich und plaudere meine Gedanken über Ihn, den Tod, nie aus. Ich könnte ja jemanden damit verletzen. Es muß also keiner wissen, dass mich die vielen Geheimnisse neugierig machen, die in den Grabsteinen verborgen schlummern. Irgendwann liege ich ebenfalls in geweihter Erde. Ich spüre den Sog und das tiefe Unbekannte.

Vor einem aufgetürmten frischen Hügel, der mit Kränzen und Blumen geschmückt ist, verweile ich wehmütig. Ein niedliches kleines Mädchen mit blonden Zöpfen sieht mich von einem Bild an, das zwischen all den Blumen aufgestellt ist. Sieben rote brennende Windlichter umsäumen das Bild und weben es in ihren Strahlenkranz ein.

"Warum?" frage ich leise und blicke verständnislos in den tiefblauen Himmel. Es ist fast still, als ich mich gedankenversunken auf eine Bank setze, die sich unter einer dicken vernarbten Linde befindet. Sie duftet und scheint zu summen. Ich schaue entzückt in ihr dichtes Blattwerk. Entdecke unzählige eifrige Bienen. Wie merkwürdig unsere Welt doch ist. Unter der Erde der Tod. Das ewige Geheimnis. Süß. Bitter. Fremd. Herbeigesehnt. Verachtet. Darüber die sich aus der Knospe schälende Blüte. Das Leben. Süß. Bitter. Fremd. Herbeigesehnt. Verachtet.

"Hast du das Püppchen gesehen? Es gesehen?" fragt klagend ein altes, gebrechliches Mütterlein. Langsam schlurft es auf mich zu. Setzt sich ungeniert neben mich. Das Leben hat tiefe Falten in sein verbranntes Gesicht geformt. Nur die Augen glänzen noch. Warme, beruhigende Augen. Ich fühle eine zittrige knochige Hand auf meiner Schulter. "Ja, ich habe das Püppchen gesehen."

© by Ralph Müller-Wagner

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