Dir
Diese Nacht war in einem meiner Träume dieser endlose Park aufgetaucht.
Nie zuvor hatte ich eine derartige Schönheit von Gewächsen, Düften, Farben, Lichtspielen und Wärme mit all meinen Sinnen aufnehmen können, nie zuvor wurde mir derart deutlich bewusst, wie perfekt alles da draußen vor den Toren der Menschheit sein könnte.
Denn, soviel war klar in diesem Traum: die Zusammenballung industrieller Menschheit existierte hier nicht, wahrscheinlich nicht einmal auf demselben Planeten.
Als ich aufgewacht war, dauerte es eine ganze Weile, aus diesem überaus realen Traum durch die zähe Zwischenwelt des Wachwerdens in den Morgen aufzutauchen. Völlig unmotiviert zunächst, denn mir war rasch klar, dass es eben nur ein Traum war. Zu schön, um dauerhaft real sein zu können. Fragiles Glück, seiner Erhabenheit wegen.
Radio eingeschaltet und erst mal liegengeblieben. Irgendwann die Augen geöffnet, der bevorstehende Tag hatte sich vorher schon auf meinen Bildschirm geschoben. Frei!
Kaffee, Duschen, Nahrungsaufnahme, Recken und Strecken, yeah! Es kann losgehen.
Den nötigen Krempel wie Buch, Notizheft, Kamera, Getränk und Snack in die Tasche gestopft, Fahrrad untern Arm geklemmt, treppabwärts durch mein altes Mietshaus ins geliebte Viertel aufgebrochen.
Allmorgendlich freue ich mich der alten Kastanien, die die Pflasterstraße, die am Haus vorbei das ganze Viertel durchzieht, eingrenzen und stellenweise mit ihren Wurzeln aufsprengen. Ich liebe sie ebenso wie den Duft des Bäckers, herumtollende Kinder, die Weisheit der Welt lächelnde Alte, gelackte Businesstypen, alternative Pärchen, ab und an mit tiefen Augenringen. Hier ist meine Base, hier will ich manchmal nie wieder weg.
Gern aber auch mit einem kleinen verzauberten Haus mit alter Linde auf der Wiese irgendwo am Meer als Ort innerer Mitte und Einklangs, geteilter Zeit mit Menschen meines Herzschlags. Bürgerlich? Wenn schon.
Heute an meinem freien Tag hieß es erst mal entspannt in die Pedale treten, den Trubel in der Stadt, Abgas und Gehupe ignorieren und den Weg in Richtung See bahnen.
Der Himmel wirkt wie hingegossen, Postkarten sind ein Witz gegen diese ins Firmament gehefteten feinen weißen Wölkchen, die wie ein Hohn auf die ab und an herunterexplodierenden Gewitter wirkten, die der Sommer bisher dargeboten hatte.
Gibt es noch eine Steigerung?
Mein Rad biegt in einen Weg ein, der durch Sträucher, Gebüsch und kleine Bäume führt. Es riecht feucht und süßlich. Scheinbar jede der unzähligen Blüten legt die Last ihrer hypnotischen Schönheit auf meinen Wille, wieder und wieder vom Rad zu steigen, sie behutsam zwischen meine Finger zu nehmen und die Nase hineinzutauchen. Wunderbar. Gottes Rausch. In meinen Adern als treibendes Gefühl purer Energie zu spüren, wenn auch nicht greifbar. Gut so. Alles verstehen hieße wahrscheinlich alles in Frage stellen.
Ich finde den Uferfleck wieder, an welchem ich letztens gesessen hatte. Die Sonne steht seitlich, der See atmet leise Spuren verdunstenden Wassers aus. Libellen, Spinnen, Wasserläufer, Enten, Schatten von Kleinstfischschwärmen.
Ich lasse meinen Blick ruhen, meine Gedanken. Genieße dieses Glück an diesem Tag, in diesem Augenblick.
Windstill zwar, ändert der unberührte Wasserspiegel kaum wahrnehmbar das Spiel seiner Wellen. Interferenzen aus Wellen nahe dem gegenüberliegenden Ufer, die sich mir entgegenlaufend visuell in der Tiefe zu verlieren scheinen. Fern oben, nah unten.
Die sich verlierenden Wellenringe verzögern das Spiel des See´s, ich werde jäh berührt, erfasst. Die Zeit verliert sich in Stille. Der Sommer hält seine Atmung an, die Atmosphäre sammelt sich in Spannung. Ein Gewitter zieht heran. Es wird eine Ahnung kühler.
Meine Träume finden Dein Gesicht vor meinem inneren Auge, formen den Wunsch, Dich an meiner Seite zu wissen, und sei es nur für einen Moment im Gefüge kosmischer Auflösung.
Ich gefriere den Ansatz von Sehnsucht nach Deiner unbekannten Nähe, sehe nach vorn, stelle mir vor, wie auf der Wasserfläche, die den allmählich grauschwarz werdenden Himmel wiedergibt, der Park meines Traums erschien.
Ich ihn betreten würde und einen endlos großen Strauß Blüten lesen konnte, ohne eines der Gewächse verletzen zu müssen. Und die Chance bekäme, ihn Dir in die Arme zu legen. Für ein einziges, von meiner Nervosität empfangenes, wundervolles Lächeln.
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