Das gläserne Tor - Sabine Wassermann - Schriftstellerin
Das gläserne Tor
Grazia, die Verlobte eines Archäologen, macht im Berlin des Jahres 1895 eine seltsame Entdeckung: An einer Ausgrabungsstätte begegnet ihr ein geheimnisvoller Fremder, der vor ihren Augen im Wasser der Havel verschwindet. Seitdem nimmt sie eine unglaubliche Veränderung an sich wahr - sie kann aus dem Nichts Wasser erschaffen. Wenig später zieht es auch Grazia in den Fluss, doch sie findet sich nicht am Grund wieder, sondern in der Wüste einer anderen Welt. Hier trifft sie auf den gefangenen Krieger Anschar, dem sie das Leben rettet, als er zu verdursten droht. Gemeinsam fliehen sie in sein Land, die ferne Hochebene Argad, die von der Wüste eingeschlossen ist und unter einem uralten Fluch leidet. Dort hofft Grazia den Weg nach Hause zu finden, doch schnell muss sie begreifen, dass sie diese Welt nicht so ohne weiteres wieder verlassen kann. Zwei verfeindete Könige wollen ihre magische Gabe für sich nutzen, und da ist vor allem Anschar, der sich ihretwegen in große Gefahr begibt. Zwischen dem archaischen Krieger und der jungen Gelehrtentochter nimmt eine Liebe ihren Lauf, wie sie undenkbarer nicht sein könnte. Als Grazia das legendäre gläserne Tor findet, das sie in ihre Welt zurückbringen kann, muss sie eine Entscheidung treffen ...
ISBN 3453523393
692 Seiten
Heyne
2008
Leseprobe aus "Das gläserne Tor"
Eine Hand presste sich auf ihren Mund und riss sie aus dem Schlaf. Anschar beugte sich über sie, blickte sie so eindringlich an, dass ihr angst und bange wurde, und legte einen Finger an die Lippen. Sie schluckte unter seinem harten Griff und nickte, als sie begriff: Sie musste leise sein. Er gab sie frei und bedeutete ihr, aufzustehen. Dann deutete er in Richtung des Nachtlagers. Das Feuer war bis auf einige glimmende Scheite heruntergebrannt, darum herum lagen die Männer und schnarchten. Die beiden, die Wache halten sollten, lagen auf dem Boden. Hatte er sie etwa … Undenkbar! Oder doch?
Anschar schüttelte langsam den Kopf, als sie ihn fragend ansah. „Das erkläre ich dir später“, flüsterte er kaum hörbar. „Komm.“
Sie folgte ihm in die Dunkelheit, vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend. Als Anschar stehen blieb, sah sie auf. Vor ihr ragte eines dieser riesigen Sturhörner auf. Es war wie ein Berg.
Da soll ich hinauf?, formte sie die Frage mit den Lippen. Er hielt eine vom Sattel herabbaumelnde Schlaufe vor ihre Nase. Das sollte wohl ein Steigbügel sein. Überfordert von dieser merkwürdigen Situation, zögerte sie und hätte vor Schreck fast aufgeschrien, als er sie an den Hüften packte und hochhob. Sie klammerte sich an die Satteldecke, ruderte mit dem Fuß, um die Schlaufe zu erwischen, und als sie es geschafft hatte, warf sie das andere Bein über die Kruppe des Tieres. Das Kleid rutschte ihr hinauf bis zu den Oberschenkeln. Wäre es nicht dunkel gewesen, hätte sie sich geweigert, ganz sicher.
Vor sich ertastete sie einen Griff aus Grasgeflecht und hielt sich daran fest. Anschar nahm das Zaumzeug und führte das Tier äußerst bedächtig vom Lager fort. Immer wieder wandte er sich zur Feuerstelle um. In der rechten Hand hielt er das blank gezogene Schwert. Nun erst begriff Grazia, dass er die Männer als Feinde betrachtete. War ihr irgendetwas entgangen, während sie geschlafen hatte? Diese Kerle hatten sich raubeinig gebärdet, sie aber nicht bedroht. Und jetzt hatte Anschar zwei von ihnen getötet – im Schlaf! Ihr wurde übel vor Furcht, als sie daran dachte, was geschehen mochte, sollten sie aufwachen.
Schlagartig wurde ihr klar, was es hieß, in einer barbarischen Welt gelandet zu sein. Und sie war Teil dieser Welt. Das Sturhorn bewegte sich träge und erstaunlich leise. Nur ab und zu schnaufte es vernehmlich. In mindestens zwanzig Lederschläuchen, die vom Sattelgriff hingen, gluckerte Wasser. Siedendheiß fiel ihr ein, dass sie ihre Sachen nicht bei sich hatte. „Halt!“, zischte sie und rüttelte am Griff. Das Tier beeindruckte das nicht; erst als Anschar am Zügel zog, blieb es stehen. Er warf den Kopf zurück. Selbst in der Düsternis konnte sie erkennen, dass er ungehalten war.
„Meine Tasche“, flüsterte sie. „Ich habe meine Tasche vergessen!“
Er schüttelte den Kopf.
Sie machte Anstalten, abzusteigen. Blitzschnell hielt er sie mit einem harten Griff am Oberschenkel zurück.
„Ich gehe nicht ohne meine Sachen“, sagte sie leise, aber so bestimmt wie möglich. „Wenn du sie nicht holst, tue ich das!“
„Bist du von Sinnen?“
Sie wollte nicht laut werden, daher knurrte sie ärgerlich wie eine Katze. Er stieß ein ergebenes Seufzen aus, schob das Schwert in die Scheide und schlich zum Lager zurück. Ihr schlug das Herz bis zum Hals. Sein Schatten glitt zu der Stelle, wo sie geschlafen hatte. Mit kerzengeradem Rücken ging er in die Knie und tastete herum, während er den Kopf hochreckte. Sie flüsterte ein Stoßgebet, dass er die Tasche finden möge. Endlich kehrte er zurück und reichte sie ihr hinauf. Hastig kontrollierte sie, ob auch alles darin war, obwohl sie nicht gewagt hätte, ihn ein zweites Mal zu schicken. Er nahm indes wieder die Zügel auf. Grazia schlang den Beutel um sich und packte den Sattelgriff. Der Rücken des Sturhorns schwankte. Sie musste alle Beinmuskeln anspannen, um nicht abzurutschen.
Aus der Richtung des Lagers hörte sie einen Mann grunzen. Plötzlich saß Anschar vor ihr, in der Hand die blanke Klinge.
„Halt dich fest“, raunte er. „Wenn das Sturhorn nicht auf unserer Seite ist, dann sei Inar uns gnädig – sie werden es nicht sein.“
„Großer Gott“, stieß Grazia auf Deutsch hervor.
„Was hast du gesagt?“
Sie wiederholte es. Er stieß ein ungläubiges Schnauben aus.
„Dein Gott ist groß? Dann bete zu ihm, Feuerköpfchen. Bete!“
Er schlug mit der flachen Klinge auf die Flanke des Tieres. Durch den gewaltigen Körper ging ein Ruck. Das Sturhorn riss den Kopf hoch, warf ihn hin und her. Für einen Moment befürchtete Grazia, es werde steigen und sie abwerfen. Hinter sich hörte sie verwunderte Rufe und den Aufschrei eines Mannes, der sich nach vorn warf. Eine Hand packte ihr Bein und zerrte sie herunter.
Sie wurde herumgewirbelt und fand sich rücklings auf dem Boden wieder. Ein spitzbärtiger Mann beugte sich über sie. Aufschreiend stieß sie die Hände vor. Sein Gesicht war verzerrt vor Wut, sodass ihr das Blut in den Adern gefror. Er riss seinen Dolch aus der Scheide, doch bevor er zustechen konnte, glitt Anschars Klinge durch seinen Hals und schleuderte ihn beiseite. Vor sich sah sie das Sturhorn, darauf Anschars alles überragenden Oberkörper. Er lenkte es mit hartem Zügelgriff, während er mit dem Schwert erneut ausholte.
„Steh auf!“, donnerte er über das Geschrei der Männer hinweg. „Steh auf!“
Ihre Knie waren wie Butter. Sie kämpfte sich auf die Füße, von Furcht erfüllt, er könne sie zurücklassen. Ein zweiter Mann fiel durch sein Schwert, einen dritten stieß er mit dem Fuß beiseite. Dann ließ er die Zügel los, um nach ihr zu greifen. Das Schwert fast blind in der Luft wirbelnd, beugte er sich herab und packte sie unter der Achsel. Einen Herzschlag später fand sie sich seitlich vor ihm auf dem Sattel wieder. Sie schlang die Arme um seine Mitte. In ihren Ohren rauschte es, sodass sie die Schreie der Herscheden nur gedämpft vernahm. Sie betete, ja, das tat sie, aber die Worte nahm sie kaum wahr. Über Anschars Schulter hinweg sah sie die Männer, darunter drei oder vier, die in ihrem Blut lagen und sich nicht mehr rührten. Das Sturhorn stampfte über den Boden und wirbelte den Sand auf. Sie zitterte vor Erleichterung, dass Anschar sie nicht zurückgelassen hatte. Er hätte es tun können. Doch sie glaubte, Angst in seinen Augen gesehen zu haben. Angst um sie.
Randomhouse - erweiterte Leseprobe S. 1 - 48
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