Das Zeichen des Ketzers - Sabine Wassermann - Schriftstellerin

Konstanz 1415:

Mit seinen ketzerischen Thesen ist Johannes Hus zur Gefahr für die Kirche geworden. Auf dem Konzil in der Stadt am Bodensee soll er sich rechtfertigen; ihm droht der Tod auf dem Scheiterhaufen. Zwei Brüder machen sich auf den Weg in die überfüllte Stadt: Martin, ein raubeiniger Söldner, und der Mönch Alban, ein heimlicher Anhänger von Hus. Während sich Martin im Hurenviertel herumtreibt, versucht Alban, dem eingekerkerten Reformator zu helfen. Dann geraten beide in Lebensgefahr. Doch ein düsteres Geheimnis hindert sie, einander beizustehen.
ISBN 3499247178
544 Seiten
Rowohlt
2008

Leseprobe aus "Das Zeichen des Ketzers"

Er blickte stur geradeaus und bemühte sich, die gaffenden Leute nicht zu beachten, um wenigstens einen Rest seiner Würde zu bewahren. Mitten unter den Schaulustigen entdeckte er Helene. In ihrer geballten Faust hielt sie wohl ihren Judaslohn, während sie ihn verängstigt anstarrte und dann beschämt die Augen senkte. Er wurde an ihr vorbeigestoßen, hinein in die Menge, die staunend und lachend zurückwich. „Das ist also der Ketzer? Auf den Scheiterhaufen mit ihm!“, johlte eine Frau und erntete schallendes Gelächter, denn es wusste wohl jeder, dass Hus schon seit Monaten im Kerker schmachtete. Martin biss die Zähne zusammen und gab sich hasserfüllten Gedanken an Rogatus hin, der unzweifelhaft dahinter steckte. Er erwartete, zum Augustinerkloster gebracht zu werden, doch nachdem sie die Rheinbrücke überquert hatten, lenkten ihn die Männer zu einem Torturm auf der Seeseite. Von dort aus führte eine Brücke zu einer Insel, auf der sich die Mauern eines Klosters erhoben. Er versuchte stehenzubleiben, doch der Franzose trieb ihn weiter.
„Warum hierher?“, fragte Martin, während seine Füße widerwillig über die Holzbohlen der Brücke tappten.
„Weil der Befehl so lautet.“
Martin hatte keine Wahl, als weiterzugehen. Sie hatten die Brücke verlassen und betraten das Kloster. Begegneten sie Mönchen, so blickten diese zu Boden, als könne nichts sie vom Beten ablenken. Im Kreuzgang saß ein Mann zusammengesunken auf einer Bank, gekleidet in eine fadenscheinige, vor Dreck strotzende Robe. Er hustete erbärmlich. Seine Füße, nur mit abgetragenen Pantoffeln bekleidet, lagen in Ketten. Bei ihm standen zwei Männer; abseits wartete mit verschränkten Armen ein Wächter, einen Schlüssel in der Hand. Ganz in der Nähe der Bank stand die Tür zu einer Mönchszelle offen. Anscheinend hatte man dem Gefangenen gewährt, die Zelle für einige Augenblicke zu verlassen. Martin fragte sich, ob er sich wirklich in einem Kloster befand. Kurz sahen die Männer auf, als er sich mit seinen Bewachern näherte. Ihre Blicke waren mitleidig. Dann wandten sie sich wieder dem Gefangenen zu. „Die Verwirrung um Cossa kann Euch nur nützen. Der König wird sich jetzt besinnen, dafür beten wir.“
Sie sprachen Böhmisch. Da Martin an der Grenze zu Böhmen aufgewachsen war, verstand er sie gut. „Ach, Freund Chlum, ich denke nicht mehr an ihn“, erwiderte der Gefangene. „Bei allen Dingen, die man tut oder vorhat zu tun, ist ohnehin nicht der schwache menschliche Verstand entscheidend, sondern allein der Wille Gottes. Und wenn man das nicht anerkennt, gerät alles aus den Fugen …“ Er rieb sich den Hals. „Wenn nur endlich der Husten aufhören würde. Und das Essen ist so furchtbar.“
Martin starrte ihn an, als er an ihm vorbeigeführt wurde. Schlechtes Essen war hier wohl zu erwarten, und allein der Gedanke, für unbestimmte Zeit darben zu müssen, ließ seinen Magen knurren. Wie alt dieser Gefangene wohl war? Es ließ sich kaum sagen. Seiner Kleidung nach war er ein Magister. In jedem Falle ein Kleriker, denn er trug eine stoppelige Tonsur. Sein ebenso nachlässig rasiertes Gesicht sah aus, als sei es früher voll und lebenslustig gewesen. Er litt sichtlich unter seiner Haft, doch seine Augen waren klar, sein Blick fest.
„Magister Hus, haltet durch“, sagte einer der Besucher. „Der König weiß doch, dass es so nicht weitergehen kann.“
Martin wandte sich um. Dieser Mann war der böhmische Ketzer? Nie hatte er darüber nachgedacht, wie Hus wohl aussah, aber jetzt fand er, dass der Mann für jemanden, der solch herausfordernde Lehren verbreitete, klein und erbärmlich wirkte.
Die Waffenknechte wollten Martin weiterdrängen, doch er blieb stehen. Sie fluchten leise. Johannes Hus hob den Kopf.
„Ich weiß, was du denkst.“ Müde lächelte Hus ihn an.
„Das wisst Ihr nicht“, erwiderte Martin.
„Nun, dann sage es mir.“
Was sollte das? Hus wirkte entrückt, als glitten seine Gedanken fort von diesen erdrückenden Mauern. Vielleicht zurück in das Haus der Pfisterin, wo es für ihn noch einfach gewesen war, seine ketzerischen Gedanken bei leichtgläubigen Menschen zu verbreiten.
„Ich denke, dass mein Bruder einiges darum gäbe, jetzt an meiner Stelle zu sein“, antwortete Martin. „Alban ist eigens hergereist, um Euch zu sehen.“
„Und warum bist du gekommen?“
„Wegen … nichts.“
„Das ist wenig.“
Martin stieß einen verächtlichen Laut aus. „Euretwegen zu kommen ist weniger als nichts.“
„Geh endlich weiter“, knurrte der Franzose und schlug ihm mit der Faust gegen den Hinterkopf. Martin trat nach hinten aus und erwischte ihn am Schienbein, doch da er barfuß war, richtete er nur wenig aus. Während der Mann ärgerlich fluchte, zog ein anderer Martin den eisernen Griff der Armbrust über den Kopf. Ihm wurde schwarz vor Augen; ehe er es sich versah, war er auf die Knie gefallen. Er musste die Zähne fest zusammenbeißen, um den Schmerz, der sich von seinem Hinterkopf über seinen ganzen Körper ausbreitete, nicht hinauszuschreien.
Als er wieder sehen konnte, schwebte eine Hand über ihm und berührte die schmerzende Stelle an seinem Kopf. Das Gesicht des Ketzers stand ihm dicht vor Augen. Er blinzelte, weil er es für eine Erscheinung hielt, hervorgerufen durch die grässlichen Schmerzen in seinem Schädel. Doch der Magister stand wirklich da, strich ihm den Schweiß von der Stirn und schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln.
„Deus te benedicat.“
Gott … Gott tat was? Aus irgendeinem Grund war ihm wichtig, es zu verstehen. Die Worte kamen ihm vertraut vor, und er schloss die Augen, im Bemühen, sich an ihre Bedeutung zu erinnern. Oder wollte er nur die Tränen der Verzweiflung zurückhalten?
Hus schien zu begreifen, was ihn plagte. „Gott schütze dich“, sagte er leise.

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