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Neueste Schriftstücke
HIMMELBLAU UND BIRNBAUMGRÜN.
Mein Sommer mit Camilla.
von Wolfgang Kirschner
Camilla verschränkte die Arme hinter ihrem Kopf und ließ sich erneut ins Gras zurücksinken. Nebenbei pustete sie eine Mücke weg, die vor ihrer Nase herumschwirrte. Die Mücke nahm überstürzt Reißaus.
»Mhm, gar nicht mal so übel hier, wenn ich’s mir recht überlege«, sagte sie mehr zu sich selbst. Mich schien sie mehr oder weniger vergessen zu haben.
Ich räusperte mich. »... Also gut, dann eben noch mal: Das hier ist MEIN Platz, kapiert?«
»Stell dich nicht so an! Es ist genug Platz für uns beide da. Wir können bequem zu zweit hier liegen.«
»Ich will aber nicht zu zweit hier liegen. Ich will meine Ruhe haben. Es reicht schon, dass du dauernd auf dem Balkon herumträllerst.«
Nun schoss sie hoch und blickte mich giftig an. »Was heißt hier herumträllern? Das musst gerade du sagen! Einer, der nicht ganz richtig im Kopf ist – und unmusikalisch obendrein. Ich hab im Singen eine Eins, du Luftgucker! Was verstehst du denn schon von Gesang?«
Sie warf mir einen verächtlichen Blick zu und legte sich dann mit eingeschnappter Miene ins Gras zurück.
»Lieber ›Luftgucker‹ als ›Ohrquäler‹ ...«, erwiderte ich. Leider fiel mir auf Anhieb nichts Besseres ein, um sie zu treffen. Aber es war sowieso sehr schwer, Camilla überhaupt zu treffen, außer beim Bäcker natürlich, beim Lebensmittelhändler ums Eck, auf dem Schulhof, in der Straßenbahn und an einer Million anderen Plätzen.
»Ph«, machte sie nur.
Wir sprachen eine Zeit lang nichts. Sie lag nur mit geschlossenen Augen da. Ich lehnte mich an den Stamm des Birnbäumchens und guckte sie mir genau an. Eigentlich war sie nicht direkt hässlich. Irgendwie war sie sogar hübsch, vor allem jetzt, wo sie so da lag - mit geschlossenen Augen und so. Mit »und so« meine ich vor allem ihren geschlossenen Mund. Ich fand, der machte sie besonders hübsch. Auch das flimmernde Schattenspiel der Birnbaumblätter auf ihrem Gesicht machte sie hübsch, oder das leichte Lächeln um ihre Lippen herum. Wenn sie bloß nicht so irre gewesen wäre.
»Starr mich nicht so an!«, sagte sie plötzlich. »Leg dich lieber neben mich und erklär mir, was du da oben siehst.«
Ich fühlte mich ertappt und glaubte, mich verteidigen zu müssen. »Ich starre dich überhaupt nicht an. So interessant bist du nicht. Und außerdem sehe ich da oben nichts.«
Sie lächelte ganz schön selbstbewusst. »Klar hast du mich angestarrt. Direkt auf den Busen. So was merkt eine Frau, mein Lieber.«
»Du bist keine Frau«, erwiderte ich, »deine Mutter ist eine. Und auf deinen Busen konnte ich gar nicht starren, weil es den nicht gibt.«
Nun lief sie rot an. Nicht vor Scham, sondern vor Zorn. »Das muss ich ja wohl besser wissen, du blöder kleiner Busenluftgucker. Du hast ja noch nicht mal ’n Bartansatz. Wie alt bist’n überhaupt, hä?«
»Geht dich doch nichts an.«
»Zehn vielleicht, älter bestimmt nicht.«
»Na und? Du bist nur eine Klasse über mir, also bist du höchstens elf.«
Wieder setzte sie dieses selbstsichere Lächeln auf. »Schon mal was von dem Begriff ›frühreif‹ gehört, du Birnbaumbubi? In der Sahelzone werden Frauen in meinem Alter bereits verheiratet. Aber du weißt ja vermutlich nicht mal, wo das liegt.«
Ich wusste es tatsächlich nicht. Nicht so genau zumindest. Es konnte eine entfernte Tarifzone der Straßenbahn sein, die ich noch nicht kannte. Aber sicher war ich mir da nicht.
»Klar weiß ich es.«
»Na bitte, dann sag doch wo ...!«
»Ich denke überhaupt nicht dran.«
»Ph.«
Wieder Schweigen. Rund fünf Minuten sprachen wir keinen Ton miteinander. Ich blickte rüber zur Fabrik und zählte die Fenster, damit sie nicht wieder behaupten konnte, ich würde ihr auf den Busen starren. Es waren achtundfünfzig. Bei der nächsten Zählung waren es plötzlich neunundfünfzig. Ich hatte keine Lust, mit ihr zu reden, weil sie mir irgendwie zu anstrengend war. Außerdem wusste sie Sachen, die ich nicht wusste, und das wiederum musste sie ja nicht wissen. Sie war schon eingebildet genug.
Wolfgang Kirschner,
Jahrgang 1953, geboren in Stuttgart, verschlug es wegen seines Studiums nach Tübingen, wo er einer juristischen Karriere knapp aber erfolgreich entkommen ist. Er zeichnete u. a. Cartoons, reimte Nonsens-Gedichte und begegnete schließlich seiner eigentlichen Liebe: dem Schreiben. Lesen Sie mehr über Wolfgang Kirschner
Lyrik von Andrea Koßmann
Schweres Herz
Manchmal ist mein Herz so schwer.
Nicht etwa, weil Du mich traurig machst,
oder weil ich besorgt bin.
Sondern ganz einfach deshalb,
weil es so voll ist von Dir.
Es quillt fast über vor Liebe.
Und dennoch würde ich nichts tun,
um es zu leichtern.
Ich bin mir sicher.
Das Herz ist der
einzige Teil des Körpers,
den man nie
auf Diät setzen sollte.
© Andrea Koßmann
Traumurlaub
Ich tauche ab ins
Meer der Sinnlichkeit,
labe mich an
den Wellen
der Lust.
Schaue in das Himmelszelt
der Begierde,
vergrabe meine
Hände
in den Sand
der Zärtlichkeit.
Ich genieße die Sonne
der Zweisamkeit
und spiele
mit den
Muscheln
der
Erotik.
Wer braucht die Südsee?
Ich hab doch
Dich.
© Andrea Koßmann
Andrea Koßmann,
schreibt Rezensionen und stellt diese in Videoform ins Netz, interviewt Autoren und schreibt derzeit an ihrem ersten Roman "Männertaxi", der voraussichtlich im Sommerprogramm 2010 der Verlagsgruppe Droemer/Knaur erscheinen wird. Ihr bisher erschienenes Buch "Wunderland der Liebe" ist eine Liebeserklärung an die Liebe selbst.
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