Der smaragdfarbene See

von Carolin M. Hafen

In mir ist ein See, smaragdgrün, angefüllt mit Wörtern und Ideen, Bildern und Geschichten. Ich weiß, dieser See ist nicht unerschöpflich, aber momentan steht das Wasser hoch, unten ist eine Quelle die mich speist und ich denke, ich habe sehr lange Zeit zu trinken.

Ich flitze, schnell wie ein Gedanke durch die Wirrungen meines Hirns. Eine Mini-Version meines Selbst kracht dabei an die grauen Wände meines Schädels, der Zusammenprall ist hart und Schmerzhaft. Die Fantasie pocht gegen diese Grenze, lehnt sich auf und sucht nach einem Schlupfloch. Ich komme aus diesem Universum nicht heraus – zu beengt ist mein Verstand, ich muss nach Innen, bevor ich an den Schädelwänden Selbstmord begehe.

Ich muss die Wörter an die Oberfläche bringen. Wie ein Bergwerkarbeiter mit einer Stirnlampe und einem Meißel schlage ich die Schätze aus dem festen Gestein. Ich will sie im Licht sehen, in ihrer vollen Pracht. Mit Mühe und Schweiß transportiere ich sie Stück für Stück nach oben, aus der Dunkelheit und aus dem inneren Kern und wie eine Mutter presse ich die Schätze unter Schmerzen aus mir heraus. Hinterher ist er vergessen, der Schmerz, denn der Schatz in mir würde stetig weiter wachsen, immer weiter wachsen und mich zerreißen.

Der Hochmut steckt wie ein Stachel im Herzen, verfärbt es bläulich und verformt es zu einem Klumpen aus Eis. Verformte Herzen bremsen die Leidenschaft und ohne Leidenschaft ist nichts im Fluss. Das smaragdgrüne Wasser versickert ungenutzt. Ich übe mich in Demut, renne und renne, versuche das Wasser mit einem Sieb aufzufangen. Morgens und Mittags und Abends, ich renne Tag und Nacht. Geduld ist keine Tugend. Sie ist für die, die ewig Leben. Meine Hülle ist sterblich, ich habe keine Zeit. Ich muss rennen und alles im Fluss halten.

Meine Fantasie ist weit, tief auch, mehr noch: Unendlich. Da ist er, der Hochmut. Schmeiß ihn raus, den unliebsamen Gast. Die grauen Wände kommen wieder. Die Grenzen werden härter sein – mit ihm als Freund. Ich kann das Rad nicht neu erfinden. Der Zweifel kommt und hüllt mich ein in seine kalte Decke. Kein Bild ist da, kein Wort. Nur das grüne Wasser liegt vor mir, ruhig und schweigend. Ich kann mich dem Wasser nicht entziehen. Sprich zu mir, lass mich doch trinken! Jetzt ist es wieder unendlich. Unendlich weit weg. Ich muss weiter nach Innen! Hinein, eintauchen, ertrinken. Mich hingeben, mit allen Sinnen. Dann kann innen außen werden und umgekehrt. Schenk mir Kiemen, ich will in dir atmen.

Smaragdgrünes Wasser, die große Überschwemmung der Welt reißt mich mit. Der Worte Sinn bleibt am Grund verborgen. Ich sehe Tautropfen auf einem Stein am Ufer. Ich muss sie dem großen Ganzen zufügen. Alleine bedeuten sie nichts. Auf deinem Grund sind die Worte – manche werden nie gesagt. Ich trauere um sie, verschwende wieder Zeit. Zeit, die ich mit Hören verbringen sollte. Der See spricht zu mir, dauernd, aber ich höre nicht hin, das Rauschen der Welt ist zu laut. Erst, wenn die Worte mein Inneres berühren, die Emotionen mich erschlagen, dann kommt mit ihnen die Energie. Ich muss aufpassen. Mit ihr schleicht sich der Hochmut ein. Ich bin auf der Hut, den Holzsplitter, der mein Herz verformt, habe ich gesehen. Ich zünde ihn an, er brennt lichterloh. Ich brenne und aus der Asche erwächst neues Leben. Sie fließen in mir, die Bilder, schwappen über, meinen Arm entlang in meine Hand. Endlich: Ich schreibe.

Ich hoffe, jetzt, wo die Worte auf Papier gebannt sind, dass ich Schlafen kann, nur einen Augenblick, dass ich zur Ruhe komme, die ich so nötig habe.