1. Leseprobe aus "Die Nacht, in der ich verschwand"

Ich war nicht enttäuscht, weil ich nichts erwartet hatte. L. Kaminski wohnte im zweiten Stock. Ich wohnte im ersten. Etwa eine gute Stunde zu Fuß von hier. Das hier war ein Stadtteil, der mir weitgehend unbekannt war. Ein schäbiger Stadtteil. Seltsam, dachte ich, man lebt sein ganzes Leben in einer Stadt und glaubt alles zu kennen, und eines Tages stellt man erstaunt fest, dass man riesige blinde Flecken auf dem Stadtplan hat. Aber was fing ich mit dieser Erkenntnis schon an? Und was machte ich hier eigentlich? Keine Ahnung. Geburtstag feiern vielleicht. Auf der anderen Straßenseite war eine Kneipe. Ich ging hinüber und setzte mich an die Bar.


Mit dreiundzwanzig hatte ich das letzte Mal an einer Bar gesessen. Mit Jenny und mit Lena. Lena schwamm damals im zweiten Monat in Jennys Fruchtblase, und ich schwamm im Alkohol, weil ich es gerade erfahren hatte. So etwas begießt man einfach, egal ob man sich freut oder nicht. Ich wusste nicht, ob ich mich freuen sollte, ich wusste nur, dass man darauf einen trank. Die arme Jenny musste mich anschließend heimschleppen, mich und Lena, und da hatte ich mir am nächsten Tag selber Barverbot erteilt.

Die Bar hier war eine Spelunke, dunkel, rauchig und schäbig. Genau das Richtige für eine kleine persönliche Geburtstagsfeier, wenn einen der Rest der Welt vergessen hatte. Ein dicklicher Barkeeper, dessen Schädel mich an Vollmond erinnerte, putzte mit einem Lappen den Tresen blank. Er nickte, als ich mich auf den steilen Barhocker hievte, und fragte, was ich wünschte. Ich hatte eine lange Wunschliste, beschränkte mich aber auf ein Glas Bier. Er nickte wieder und zapfte das Glas aus einem silbernen Hahn neben der Spüle. Dann griff er einen Bierdeckel aus einem weißen Plastikbehälter und stellte das Bier vor mir darauf. Danach ging er zu seinem Lappen zurück und putzte weiter.

Ich nahm einen Schluck und schaute mich um. Zwei Stühle weiter hockte ein Typ, der den Eindruck erweckte, seit Jahren hier zu sitzen. Er wirkte mit seinen grauen, streng nach hinten gekämmten Haaren, seiner grauen Haut und seinem grauen Anzug fast wie versteinert. Eine Art Feierabendfossil, dachte ich. Er starrte stur in sein Bierglas und hielt eine brennende Zigarette zwischen den Fingern, ohne einen Zug zu nehmen. Er hatte es im Laufe der Jahre wohl vergessen. Links von seinem Bierglas hatte er einen grauen, breitkrempigen Hut auf dem Tresen liegen. Ein Hut wie vom Steinmetz gemeißelt.

Auf der anderen Seite, rechts von mir, ebenfalls zwei Stühle weiter, saß eine Frau, die von fünfundsechzig auf fünfundvierzig geliftet worden war. Na ja, kam mir wenigstens so vor. Das maskenhafte, grell geschminkte Gesicht wurde gerade frisch gepudert, was angesichts der düsteren Kneipenatmosphäre eher einer Art Glücksspiel gleichkam. Sie hielt einen kleinen roten Spiegel in der Hand und blickte kritisch hinein. Ihre runzeligen Finger erinnerten sie wohl an ihr wahres Alter.

Hinter uns, an der Fensterfront, standen vier Tische, an denen kein Mensch saß. Aus einem Lautsprecher über dem Flaschenarsenal drang schwülstige Saxophonmusik, zum Glück aber gedämpft. Direkt vor mir, rechts von meinem Bierglas, stand eine Art Tortenbehälter aus Plexiglas, der vier Buletten vor zwei Fliegen schützte. Die Buletten möchte ich nicht näher beschreiben. Die Fliegen sagten wohl alles.

Ich trank mein Bier und versuchte, die Buletten nicht anzusehen. Offenbar nicht sehr erfolgreich, denn plötzlich deutete der Barkeeper mit seinem Vollmondkinn zum Tortenbehälter und brummte: »Zwo fuffzig das Stück. Selbst gemacht.«

Ich schaute seine wurstigen Putzlappenhände an und erschauerte. »Danke, nein, hab schon zu Abend gegessen.«

Nun raschelte es neben mir. Nylongeräusche erkenne ich auch nach hundert Jahren Ehe noch…