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Samstagsnachmittagsmädchen von Sven-André Dreyer
Ein seltsamer Samstagmittag verging träge und zäh zugunsten eines dunklen Samstagnachmittages im Sommer des vergangenen Jahres. Schwarzer Landstraßenasphalt entließ die Hitze des Mittags unwirklich flirrend in die plötzlich abkühlende Luft, und aus der Ferne war ein zaghaftes Grollen zu hören.
Sommergewitter.
Aus den Nachbargärten dröhnten benzinbetriebene Rasenmähermotoren, gelangweilt von rauchenden Jungvätern vor sich her geschoben, mit dem heraufziehenden Gewitter um die Wette.
Konkurrenzdenken.
An diesem Nachmittage waren zwei Mädchen miteinander verabredet, das eine machte sich mit dem Roller auf den Weg zum anderen. Mutter öffnete das Fenster des Kinderzimmers und stiftete den Mädchen neben frischer Luft auch Kekse und Kakao. Erste weiße Wolken zogen schnell über Reihenhaussiedlungen, aufböender Wind bog frisch gepflanzte fruchtlose Apfelbäume. Blätter rauschten im Einklang und vereinzelt zogen nun dunkle Gewitterwolken schnell über das Land. Letzte waghalsige Mauersegler nahmen den Kampf mit dem Wind auf und boten nicht vorhandenen Zuschauern akrobatische Leistungen, hoch oben am schwarzen Himmel, der den Eindruck machte, als habe er vor, seine Arbeit in Zukunft einem anderen zu überlassen. Fahnen knatterten im Wind. Am Rande eines nahen Feldes begutachtete eine Krähe aufmerksam einen sich auf Regen freuenden Wurm bevor sie ihn geringschätzig verschlang. Dachziegel rhythmisierten den Nachmittag.
Die Wolken erreichten nun rasende Geschwindigkeit als die Mädchen überlegten was sie spielen wollten. Das ältere der beiden schlug vor, das beliebte Kinderspiel „Vater, Mutter und Kind“ zu spielen und ergriff bei Äußerung des Vorschlages bereits eine ihrer Puppen.
Das Kind.
Welches der beiden Mädchen den Vater, und welches die Mutter spielen werde, würde sicher schnell geklärt sein.
Das zweite Mädchen zögerte, schüttelte den Kopf, verweigerte und zog es vor etwas anderes zu spielen. Vater, Mutter und Kind, dachte das zweite Mädchen, werden wir in diesem Leben noch oft genug spielen müssen. Heute wollte sie etwas anderes spielen.
Die bunten Kindervorhänge des Mädchenzimmers, bedruckt mit bekannten Comicfiguren, wölbten sich lautlos wie Stagsegel eines Schiffes auf offener See in das Kinderzimmer, die Fenster schlugen hart in ihre Rahmen und gleich darauf öffnete sie erneut der Wind. Blitze zerrissen plötzlich den späten Samstagnachmittag und der Wind suchte das Haus zu entwurzeln. Zusammengeschreckt saß nun das ältere Mädchen mit geweiteten Augen still auf dem Fußboden ihres Zimmers und hielt ihre Puppe ängstlich umklammert. Seelenruhig hingegen lag das andere Mädchen auf dem Rücken inmitten des Raumes und starrte unbeweglich an die Zimmerdecke.
Ruhig atmete es ein.
Ruhig atmete es aus.
Gegen den immer stärker werdenden Wind, gegen das Schlagen der Fenster, gegen Donnergrollen sagt es leise, kaum hörbar, dass es lieber etwas anderes spielen wolle. Es wolle, so flüsterte es nun fast, Sand spielen und ließ sich schließlich, leise, feinkörnig und sacht, im gesamten Raum verwehen.![]()
Weitere Werke des Künstlers Sven-André Dreyer:
Langsamland (aus „Langsamland“)
Samstagnachmittagsmädchen (aus „Sechzehn seltsame Stunden“)
Wintermeer (aus „Sechzehn seltsame Stunden“)

