DIE BALLADE – GROSSE OPER FÜR KAMMERMUSIKALISCHEN RAHMEN

Entwickelt hat sich diese spezielle Form des klassischen Kunstgesanges aus den Moritaten- und Bänkelgesängen der Geschichtenerzähler und Schausteller, welche bei Jahrmärkten und vergleichbaren Anlässen auftraten. Um die Dramatik ihrer zumeist gruseligen, schauerlichen, romantischen Geschichten zu intensivieren, wurden diese einerseits im Sprechgesang vorgetragen und andererseits mit Musik begleitet. Entweder spielte der Geschichtenerzähler selbst, bevorzugter weise auf einer Drehleier, oder er hatte, sofern er es sich leisten konnte, ein eigenes Musikerensemble, welches diesen Part übernahm. Darüber hinaus gab es auch mancherorts bereits gewissermaßen szenische Illustrationen. Beispielsweise wurden auf Schautafeln einzelne markante Szenen der Handlung dargestellt; durchaus vergleichbar mit Comiczeichnungen. Bekannt ist auch, dass diese einzelnen Szenen auf Leinwände gemalt wurden. So konnte man sie zusammengerollt griffbereit haben und punktgenau auf ein Stichwort ausrollen lassen. Es waren gewissermaßen die ersten Gehversuche in Richtung optisch-dramatischer Bühneneffekte.
Darin liegt aus meiner Sicht auch der größte Unterschied zum klassischen Liedgesang. Bei Liedern handelt es sich um die Darlegung augenblicklicher seelischer Stimmungen, um das Wiedergeben von starken, bewegenden Eindrücken, um musikalische Momentaufnahmen oder gar Schlaglichter. Bei einer Ballade hingegen wird immer eine Geschichte mit Handlung und Dramaturgie erzählt.
An die Ausführenden stellen Balladen daher besondere Anforderungen. Der vortragende Sänger muss stets als Erzähler der Geschichte präsent sein. Erfordert es die Dramaturgie, dann muss er unmittelbar in die verschiedenen Rollen, eben die handelnden Personen der jeweiligen Geschichte schlüpfen, wenn diese in »direkter Rede« zu Wort kommen. Gefordert ist daher nebst der grundsätzlichen Freude am Geschichtenerzählen auch die Fähigkeit zum dramatischen Ausdruck, große Flexibilität im Umgang mit Klangfarben und eine gute Balance der Register. Je nach Art der jeweiligen Ballade ist auch Stimmkraft gefordert.
Sinngemäß gelten alle diese Anforderungen auch für diejenigen, welche den Klavierpart übernehmen. Die Musik einer Ballade ist niemals absolute Musik, sondern immer als Teil der Dramaturgie gestaltet, soll heißen sie erzählt ebenfalls die Geschichte. Sie ist keine Untermalung und auch keine Begleitung im eigentlichen Sinne. Bei Balladen darf das Klavier, genau wie ein Opernorchester, ebenso in rauschenden Klangwogen schwelgen wie in klanglich-minimalistischer Art Stimmungen zeichnen. Die Ballade ist eben die Große Oper für kammermusikalischen Rahmen.
Wilhelm Pfeiffer

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